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Wissenschaftliche
und technische Herausforderung der
musikhistorischen Quellenforschung
im internationalen Rahmen.
Scientific and Technological Challenge of
Musicological Source Research
at International Level.
Internationaler Kongress: 6.-9. März 2002
in Frankfurt am Main
Konferenzbericht von Joachim
Jaenecke (Berlin)
Das Repertoire Internationale des Sources Musicales
(RISM) wurde vor 50 Jahren in Paris gegründet. Aus diesem Anlass
organisierte die RISM-Zentralredaktion an der Stadt- und Universitätsbibliothek
Frankfurt am Main unter der Leitung von Klaus Keil in Zusammenarbeit
mit der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst und dem
Musikwissenschaftlichen Institut der Johann Wolfgang Goethe-Universität
Frankfurt am Main einen internationalen Kongress. 82 Teilnehmer
vertraten die folgenden 23 Länder: Belgien, Dänemark,
Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Israel, Italien,
Kroatien, Lettland, Österreich, Polen, Portugal, Russland,
Schweden, Schweiz, Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechien, Ukraine,
Ungarn, USA und Weißrussland.
Vor der offiziellen Eröffnung des Kongresses wurde ein Workshop
“All about RISM“ für Studenten, sowie ein “Rückblick
auf 50 Jahre RISM“ angeboten, den Harald Heckmann, Martina
Falletta und Klaus Keil gestalteten. Die Eröffnungssitzung
moderierte der Präsident des RISM, Harald Heckmann; Grußworte
sprachen Wulf Thommel als Vertreter der Union der Akademien der
Wissenschaften, von der die Zentralredaktion finanziert wird, Stanley
Sadie und Detlef Altenburg für die internationale und nationale
Gesellschaft für Musikwissenschaft, John Roberts und Wolfgang
Krüger für die AIBM und ihre deutsche branch, der Kulturdezernet
der Stadt Frankfurt, Hans-Bernhard Nordhoff und Bernd Dugall, der
Direktor der Stadt- und Universitätsbibliothek, Frankfurt,
an der die Zentralredaktion ihren Sitz hat. Die Festrede hielt Peter
Ackermann, der gleichzeitig die Hochschule für Musik in Frankfurt
vertrat, über “Quellenforschung im Spannungsfeld von
wissenschaftlicher Erkenntnis und musikalischer Praxis“. Er
forderte vehement, dass die Kenntnis über Methoden der Quellenforschung
und Editionstechnik von der an Hochschulen ansässigen Musikwissenschaft
den angehenden Musikern und Musikpädagogen vermittelt wird
und zeigte am Beispiel, wie gerade die Quellenforschung ein zu eng
gewordenes Verständnis von originaler Aufführungspraxis
aufbrechen kann.
An den folgenden beiden Tagen wurden in jeweils parallelen Sitzungen
insgesamt 40 Referate aus 20 Ländern in deutsch, englisch und
französisch gehalten. (Das sind zu viele, um auf jedes einzelne
einzugehen.) Im Themenbereich “Portraits von RISM-Arbeitsstellen
in verschiedenen Ländern“ ging es um organisatorische
Fragen von den Arbeitsbedingungen bis hin zu Finanzierungsmodellen.
Referate kamen aus Großbritannien, den USA, Portugal, der
Schweiz, Österreich und Italien. Beiträge zum Thema “Quellenerschließung
und musikwissenschaftliche Forschungen“ widmeten sich einzelnen
Gegenständen wie Untersuchungen anhand der Telemannquellen
in Frankfurt, mehrstimmige Messen in Spanischen Quellen, Musik in
Flandern 1650-1850 und zu deutschen Musikverlegern in St. Petersburg.
Die Referenten kamen aus Deutschland, Belgien und Russland, Slowakei
und der Ukraine. Im Themenblock “Alte Musikquellen und neue
Medien - kein Widerspruch“ wurden Projekte zur Identifizierung
von Schreibern mittels Bildverarbeitung, zu mittelalterlichen Theoretiker-
Handschriften im Internet, sowie die Quellen-Datenbank der Mozart-Gesamtausgabe
vorgestellt. Daneben ging es auch um Musikhandschriften-Katalogisierung
und Datenaustausch, Quellenauswertung zur Innsbrucker Hofkapelle
und die Musikdatenbank in Kroatien. Unter dem Titel “Beschreibung
von Quellenrepertoires in Mittel- und Osteuropa“ waren Beiträge
aus Kroatien, Lettland, Polen, Slowenien, Tschechien, Russland,
Ungarn und Weißrussland zu hören. Den Abschluss bildeten
Beiträge zum Themenkomplex “Arbeitsmethoden und Problematik
der Quellenarbeit“ aus Italien, Spanien und Deutschland zur
Katalogisierung von Quellen in Italien und Spanien, sowie zum Verbleib
deutscher Bibliotheks- und Archivbestände im östlichen
Europa nach 1945.
Den Abschluss des Kongresses bildete eine von Klaus Keil moderierte
Podiumsdiskussion zum Thema “Erfordernisse der Dokumentation
musikalischer Quellen“. Helmut Loos und Gabriele Buschmeier
als Vertreter der Musikwissenschaft, sowie Catherine Massip und
John Roberts als Vertreter der Musikbibliotheken diskutierten unter
Beteiligung des Publikums. Alle Diskutanten waren sich darin einig,
dass mit den Publikationen des RISM ein grundlegendes und kaum zu
überschätzendes Hilfsmittel für Musikforschung und
Musikbibliotheken geschaffen wurde. Sie belegten das anhand eigener
Erfahrungen bei der Erforschung der Werke von Gluck, der musikalischen
Regionalforschung in Osteuropa, aus der Kenntnis von Alte Musik-Gruppen
in Frankreich und wissenschaftlichen Nutzern, die durch die kreative
Verwendung der verschiedenen Indizes in der RISM CD-ROM zur Serie
A/II „Musikhandschriften nach 1600“ auf interessante
neue Forschungsfelder vordringen. Es wurde über viele fachliche
Einzelheiten gesprochen: Ist es sinnvoll, die Quellen zunächst
nur mit den wichtigsten Beschreibungskriterien zu dokumentieren,
um in einem zweiten Durchlauf eine detaillierte Beschreibung vorzunehmen?
Aus praktischen und finanziellen Gründen schien den Anwesenden
eine sofortige komplette Beschreibung sinnvoller. Wie perfekt muss
eine Beschreibung sein, bevor man sie veröffentlichen kann,
zumal bei regelmäßigem Erscheinen der CD-ROM bzw. im
Internet jederzeit Korrekturmöglichkeit besteht. Soll der Bearbeiter
einer Titelaufnahme in der Veröffentlichung genannt werden?
Soll man bei der Erschließung zunächst große Sammlungen
berücksichtigen oder kleinere Bibliotheken mit überschaubaren
Beständen bevorzugen, wobei man sich für die Berücksichtigung
beider aussprach. Wie verhält man sich bei Privatsammlungen?
Es wurde auch ein wichtiges Vorhaben des RISM angesprochen: es soll
die Möglichkeiten geschaffen werden, dass Bibliothekare mit
den eigenen Bibliotheksprogrammen Quellenbeschreibungen für
RISM machen können.
Am Rande dieser Diskussionen schlug Pamela Thompson eine Neufassung
des Bandes 5 der Serie C, Osteuropa, vor, nachdem Band II und III/1
mit den anderen europäischen Ländern, (außer Italien)
kürzlich erschienen sind.
Unter dem Motto „Musik aus RISM-Quellen“ stand nicht
nur die Umrahmung der Eröffnungssitzung, sondern auch zwei
Konzerte. Beim Eröffnungsabend konnte ein Film des hebräischen
Oratoriums Ester von Cristiano Giuseppe Lidarti gezeigt werden.
Beim Konzert der Innsbrucker Hofkapelle kamen Werke aus bei RISM
nachgewiesenen Drucken von Georg Flori und Jacob Regnart zur Aufführung,
beim Konzert der Jungen Frankfurt Sinfoniker neben Werken von Johann
Friedrich Fasch, Heinrich Ignaz Franz Biber und Georg Philipp Telemann
das 2001 neu entdeckte Gloria von Georg Friedrich Händel.
Der Kongress wurde unterstützt vom Auswärtigen Amt, Berlin,
von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, von den Verlagen Bärenreiter,
Otto Harrassowitz, G. Henle, Georg Olms, K.G. Saur sowie von der
Frankfurter Sparkasse 1822, von der Stadt Frankfurt am Main, dem
Land Hessen und der Tiroler Landesregierung.
Ein Tagunsbericht ist in Vorbereitung.
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